Kanji-Tattoos
Eine Schrift, die unter die Haut geht
Über Pinsel, Bleistifte und Tattoos
Oft ist es für Menschen aus den westlichen Nationen jener Moment in denen sie in einem Tätowierstudio sitzen, in dem sie mit den Schriftzeichen aus dem Reich der Mitte in Kontakt kommen. Denn wer jenseits von Totenschädeln, Drachen und Co nach Motiven sucht, die persönlicher sind, die mehr mit den eigenen Werten oder Träumen zu tun haben, der wird rasch auf die chinesische Kalligraphie stoßen. Kalligraphie ist ein Spiel der Striche, egal ob im Westen oder im Osten. Durch Kontrast, Kurven, Figuren und Struktur finden die Betrachter Rhythmus und Harmonie. Die Phantasie lässt zahlreiche Vorstellungen über das Wahrgenommene entstehen. Auch wenn man die Sprache nicht versteht, so ist es jedenfalls eine schöne Empfindung.
Ist ein Tattoo ausgewählt, so lässt diese ganz spezielle Form der Ästhethik so manchen Zeitgenossen nicht mehr los und er versucht sich selbst am Schreiben der fremden Zeichen aus Fernost. Denn abgesehen von oberflächlicher Schönheit zeigt die chinesische Kalligraphie das natürliche Abbild des Herzens. Man sieht keinen an- und absetzenden Pinsel und schreibt mit einem einzigen einmaligen Pinselzug anstatt unendlich auszuschmücken, denn das würde die Energie des Zeichens stören. Der idealste Zustand ist es unbewusst und spontan zu schreiben. Um diese Zustand zu erreichen ist außer einem intensiven Schreibtraining auch die Vereinigung des Verständnisses der chinesischen Philosophie und Ästhetik mit der persönlichen Interpretation erforderlich.
Einen schönen Einstieg in diese für uns so fremde Art zu Denken und zu Fühlen ist beispielsweise das „Tao Te King“ von Laotse. Dieses Buch gilt nicht nur als das – nach der Bibel – meist übersetzte Werk überhaupt. Sondern weist auch einen tief schürfenden Einstieg in die Denkwelten des fernen Ostens. Der heutige Titel des Werks – „Das Buch vom Dao und vom De“ – verweist auf die beiden zentralen Begriffe der Weltanschauung des Autors.
Hat man sich mit derlei Gedankenwelten vertraut gemacht, fällt das Schreiben der chinesischen Zeichen sicher etwas leichter.
Allerdings ist das Schreiben mit dem Pinsel nicht jedermanns Sache. Vor allem in den westlicheren Regionen hat sich daher schon früh der Bleistift mit seinen Vorteilen durchgesetzt. Die Schreibhand verwischt keine Tinte mehr und auch Korrekturen sind leichter auszuführen.
Der Bleistift als Werkzeug der Wissenschaftler erfüllte schon vor Tausenden Jahren seinen Zweck. Denn da wo es nicht auf Schönschrift, sondern auf lange Texte und einfache Lesbarkeit ankommt, eignen sich die Stifte hervorragend.